Aurelio Pesoa Ribera ofm / Übersetzung von Pia Wohlgemuth

Götter der Aymara – Spiritualität der Andenvölker Boliviens

Die fasziniere Bergwelt der Bolivianischen Anden. Spirituelle Heimat der Aymara und ihren Göttern.
Bild von Carolina Graef.

Die charakteristischen Bergplateaus der Anden sind geprägt von großer Höhe und rauem Wetter. Hier gedeiht nicht viel. Es bedarf großen Anstrengungen, um der kargen Landschaft etwas abzuringen. Die Menschen der Anden haben ihre eigenen Antworten entwickelt, um in dieser unwirtlichen Umgebung zu leben und einen Sinn im Leben zu finden.

Die Aymara, ein indigenes bolivianisches Bergvolk der Anden, haben hier über Jahrhunderte eine reiche, einzigartige Kultur entwickelt. So hat für sie „Pachamama“, die Mutter Erde (auch Mutter des Universums, der Zeit und des Raumes), die Leben gibt, eine besondere Bedeutung. Die Berge sind für sie Symbole der Gegenwart Gottes, in denen die Geister der Vorfahren überleben. Die Menschen haben einen tiefen Glauben an ein Leben nach dem Tod, der in vielen Riten rund um die Verstorbenen zum Ausdruck kommt.

Die Aymara leben im Altiplano-Gebiet, in den Stadtvierteln der bolivianischen Hauptstadt La Paz und in einem Teil von La Oruro. Selbst wenn sie sich heute mehrheitlich zum christlichen Glauben bekennen, haben sie sich doch sehr stark ihre eigene Kultur bewahrt, egal ob sie auf dem Land als Bauern leben oder in die Großstadt gezogen sind.

Kultur als Identität

Kultur ist komplex. Kultur beinhaltet Wissen, Überzeugungen, Kunst, Moral, Sitten und alle Fähigkeiten und Gewohnheiten, die der Mensch als Mitglied der Gesellschaft erworben hat. Durch diese Vielzahl an Faktoren ist Kultur aber schwer zu definieren. Kultur gibt uns Identität, gestaltet unsere geistigen Strukturen und unsere Gefühle und ermöglicht uns, das Leben zu interpretieren.

Die Aymara unterteilen in ihrer Kultur zum Beispiel den Kosmos in mehrere symbolische Ebenen: Alaxpacha (die Oberwelt – der Himmel in der christlichen Vorstellung), Akapacha (die Welt, das Zentrum) und Manqhapacha (die Unterwelt – die Hölle in der christlichen Vorstellung). Kultur ist eine Vision der Welt. Man kann einen Menschen nicht verstehen, ohne seine Weltsicht zu verstehen.

Niemand kann sich von seiner Kultur mit ihrer jeweiligen Sichtweise auf die Welt befreien und gleichzeitig hat niemand die totale Perspektive. Die verschiedenen Kulturen, Traditionen und Gebräuche sind Fenster zur Realität. Aber es gibt kein Fenster, von dem aus alles bequem gesehen werden kann. Der einzige Weg zur erfolgreichen Begegnung von unterschiedlichen Kulturen kann daher nur der Dialog zwischen Gleichgestellten sein. Das ist nicht einfach, denn jede Kultur hat die Tendenz, ihre Vision als einzig und alleingültig zu verstehen und über die andere zu stellen.

Interreligiöser Dialog

Anstatt sie als Grundlage bei der Evangelisierung mit einzubeziehen, lehnten die christlichen Missionare das komplexe Glaubenssystem der Andenvölker ab. Ihre Religion wurde dem Teufel zugeschrieben, Tempel und Bilder ihrer heiligen Wesen wurden zerstört, Andenpriester der Hexerei und Zauberei beschuldigt. Es war verboten, Traditionen und Bräuche zu praktizieren und im Namen Gottes wurden Dörfer geplündert. Die christlichen Eroberer versklavten die Aymara und verursachten viel Schmerz und Leid. Nicht nur die Bolivianer betrachten diese erste Evangelisierung heute kritisch. Gleichzeitig sind die Menschen aber dankbar, Christus kennengelernt zu haben.

Obwohl die Aymara heute bereits seit Jahrhunderten Christen sind, wird die Beziehung zwischen ihren ursprünglichen religiösen Wurzeln und ihrer heutigen christlichen Religion – die von außen gekommen ist und immer noch kommt – besser verstanden, wenn man sie zunächst als „interreligiösen“ Dialog betrachtet.

Selbst als Christen begleitet die Bolivianer das Gefühl, in einer Beziehung zur übernatürlichen Welt zu stehen: die Pachamama; die Apus (Großeltern in den Hügeln); die Wak’as (lokale Gottheiten), oft in Form von Steinen, und viele weitere Geister des Lebens. Aber auch die bösen Wesen mit ihren verschiedenen Namen: Supay, Anchancho oder Saxra. Das gesamte Universum mit seinen tausend Manifestationen ist lebendig und hat eine heilige Bedeutung. Sind dies Aberglaube und Unwissenheit? Oder ist es eine ganz eigene Erfahrung Gottes in der Andenwelt, die uns dazu zwingt, viel mehr zu reflektieren?

Glaube bereichert

Für den Dialog muss das Denken in Kategorien wie Überlegenheit und Unterlegenheit überwunden werden. Nur dann kommt es zur Begegnung und wir können uns gegenseitig mit unserer Gotteserfahrung bereichern. Bereits vor der Ankunft der christlichen Missionare hatten die Menschen der Anden eine Erfahrung mit Gott, auch ohne die Heilsgeschichte des Volkes Israel und die Botschaft Christi direkt zu kennen.

Inkulturation des Evangeliums bedeutet keine Anpassung der Botschaft Christi, sondern ein Eintauchen in eine Kultur. Das Ergebnis ist eine gegenseitig bereicherte Kultur. So ist Gott zum Beispiel für die Aymara sowohl Vater als auch Mutter. Das hinterfragt und überwindet das Konzept eines ausschließlich männlichen Gottes des Christentums.

Die Christen der Anden sehen den katholischen Glauben durch ihre eigene kulturelle Brille. Die Menschen erfahren Christus aus ihrer eigenen Lebenswirklichkeit heraus. Die christlichen Elemente lassen sich dabei gut in die Kosmovision der Anden integrieren. In dieser Weltanschauung sind Religion, Gesellschaft und Ökologie eingeschlossen. Die franziskanische Spiritualität mit Bruder Sonne, Schwester Mond, Schwester Erde und Bruder Wolf entspricht der kosmischen Andenkonzeption, sich geschwisterlich als Teil einer Natur zu fühlen. Das Christentum der Anden ist die Frucht aus der Begegnung zwischen dem Evangelium und der Aymara-Kultur.

Die jungen Generationen werden sich zweifellos durch die moderne Rationalität ändern. Dabei müssen sie darauf achten, das zu erhalten, was von tiefem Wert ist: Sprache, Respekt vor der Natur, die Fähigkeit, das Heilige im Kosmos zu entdecken, Solidarität, Familienwerte und moralische Regeln. Vor allem aber der Glaube und das Vertrauen in Gott, der unseren indigenen Völkern so große Würde und Widerstand gegen die Verachtung und die Ungerechtigkeit, der sie ausgesetzt waren, gegeben hat.

Ein alltägliches Bild in den Straßen von La Paz: Opfergaben für Pachamama. Bild von Aurelio Pesoa Ribera ofm.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Mission 2019 / 1

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