Cornelius Bohl ofm

DNA des Christentums

„Mission vollzieht sich im Dialog. Dialog ist eine privilegierte Form von Mission.“ Bild: Hungertuch 2018 von MISEREOR.

Das Wort Mission hat nicht immer einen guten Klang. Man assoziiert aufdringliche, abschreckende Missionierungsversuche und in vielen Ohren klingt es nach überheblicher Besserwisserei und Intoleranz. Da hört sich „Dialog“ besser an. In einer zugleich säkularen wie multikulturellen Gesellschaft ist Dialog unverzichtbar, er fördert Verständigung und Integration. Also, Mission durch Dialog ersetzen? Ich mache einen anderen Vorschlag: Mission und Dialog sind keine sich ausschließenden Alternativen. Mission vollzieht sich im Dialog. Dialog ist eine privilegierte Form von Mission.

Elemente eines gelungenen Dialogs

Es gibt gequälte Unterhaltungen, mühsame Gespräche. Andererseits ist kaum etwas so erfüllend wie ein guter Austausch. Wie gelingt der?

Ein echter Dialog ist von gegenseitigem Respekt getragen. Auch wo sich Gesprächspartner nicht auf Augenhöhe begegnen, etwa im Austausch zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Eltern und Kindern, kann ihre Begegnung von Respekt, Empathie und dem echten Willen zu gegenseitigem Verständnis geprägt sein. Selbst wenn einer der beiden Partner einen Wissens- oder Erfahrungsvorsprung hat, wird ein solches Gespräch dann kein nerviges Monologisieren. Ein echter Dialog ist angstfrei: Jeder darf seine Meinung äußern, auch wenn der andere anders denkt.

Eine abschließende Formulierung stellt objektiv fest: „Das ist so! Da braucht es keine Diskussion.“ Aber es gibt auch eine eröffnende Redeweise: „Ich sehe das so, wie siehst Du das?“ In dieser eröffnenden Formulierung bin ich ganz drin mit meiner Geschichte und meinen Gefühlen. Und der andere auch! Da geschieht personale Begegnung. Auf diese Weise entsteht ein Weg, der beide Partner weiterführt. Da entwickelt sich etwas im Wechselspiel von Hören und Sprechen. Die beiden Gesprächspartner wissen im Voraus nicht, wohin der gemeinsame Weg sie führen wird. Ein Dialog verändert. Indem ich mich vor einem anderen ausspreche, lerne ich mich selbst neu kennen: „Ich weiß nicht, was ich denke, bevor Du mich fragst.“

Ein Gespräch kann ein mühsames Ringen um etwas Verbindendes sein. Manchmal muss Schweigen ausgehalten werden, weil ein Wort tief getroffen hat oder eine Erwiderung noch nicht fertig formuliert ist. Und vor allem: Ich muss warten, bis der andere etwas sagt. Nicht ich lege ihm mein Wort in den Mund, er muss von sich aus mich ansprechen.

Heilsgeschichte als Dialog mit Gott

Christen ist die Vorstellung einer Heilsgeschichte vertraut: Gott spricht den Menschen in konkreten Erfahrungen an, um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er „offenbart“ sich, er lässt verstehen, wer er ist. Aber diese Selbstmitteilung vollzieht sich als immer neues Werben um die Aufmerksamkeit und die Antwort des Menschen.

Gläubiges Leben ist darum ein ununterbrochenes Wechselspiel von Empfangen und Reagieren, Hören und Antworten. Dieser Dialog zwischen Gott und Mensch kommt zum Höhepunkt, als das Wort Fleisch wird. Jesus ist das Wort des Vaters. Alles, was er sagt und tut, spricht von Gott und spricht zu uns. Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott in der Geschichte zu den Menschen gesprochen, so der Hebräerbrief, und am Ende schließlich durch seinen Sohn.

Zum Dialog berufen

Jesus hat eine Mission. Er ist vom Vater zu uns gesandt. Diese Sendung verwirklicht er im Dialog. Da suchen Menschen das Gespräch mit Jesus: „Meister, wo wohnst Du?“ Oder: „Zeig uns den Vater.“ Oder: „Was muss ich tun, um Leben zu gewinnen?“ Oder auch: „Ich will Dir folgen.“ Und Jesus greift das Gespräch auf: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.“ Aber auch: „Folge mir nach.“ Oder: „Was soll ich Dir tun?“ Vielleicht auch: „Wollt auch ihr gehen?“ Dieser existentielle Dialog zwischen Jesus und dem Menschen geschieht nicht nur mit Worten, es ist vor allem ein existentielles Gespräch im Tun: Jesus spricht, indem er einen Blinden heilt oder einen Aussätzigen in die Gemeinschaft zurückholt. Und der Mensch antwortet, wenn er anfängt zu teilen, zu verzeihen oder Jesus zu folgen. Jesus verwirk¬licht seine Mission aber nicht nur im Dialog mit den Menschen. Sein gesamtes Leben ist auch ein Gespräch mit dem Vater. Bei der Taufe spricht Gott ihn an: „Du bist mein geliebter Sohn!“ In der Passion kommt dieses Gespräch zu seinem Höhepunkt: „Vater, ich habe Dein Werk zu Ende geführt.“ Und dann am Ölberg: „Dein Wille geschehe.“ Noch der Tod ist existentielles Gespräch mit dem Vater: „Es ist vollbracht, in deine Hände lege ich meinen Geist.“

Selbstevangelisierung

Kann ein Mensch einen anderen bekehren? Leider gab es in der Geschichte „Zwangsbekehrungen“. Aber letztlich kann nur ich mich selbst bekehren. Meine Umkehr kann mir niemand abnehmen. Sie vollzieht sich im Dialog mit Gott. Es beginnt damit, dass er mich anspricht, in der Heiligen Schrift, durch Menschen, durch die Herausforderungen des Alltags. Und ich antworte, in Gebet und Liturgie, aber vor allem durch mein Leben, meine Entscheidungen, mein Verhalten.

Auch dieses existentielle Gespräch kennt unterschiedliche Phasen: Mal werde ich hören, mal fragen, mal klagen und schreien. Und Gott monologisiert nicht nur. Er hört auch zu. Ich darf mit meinen Einwänden kommen. Es ist eine wirkliche „Zwie-Sprache“. Und auch hier entsteht ein offener Weg, von dem ich nicht weiß, wo er endet. Dieses Gespräch ist nie abgeschlossen. Dabei bin ich ganz persönlich angesprochen. Hat Gott mich schon einmal beunruhigt? Hoffentlich! Weil ich persönlich gemeint bin, muss ich auch persönlich antworten. Ich kann nicht einen anderen für mich antworten lassen.

Das Gespräch mit Gott wird mich verändern. Es führt zu einer tieferen Beziehung zu ihm, zu größerer Weite, größerer Hoffnung, größerer Liebe. Vielleicht auch zu neuen Fragen. Bekehrung kann über Verunsicherung geschehen. Der Dialog mit Gott kann ein mühsames Ringen sein. Manchmal muss ich sein Schweigen aushalten und warten, bis er etwas sagt.

Missionarische Kirche

Mission gehört zur DNA der Jünger Jesu. Kirche kann nicht nicht missionarisch sein! Wie Jesus vom Vater gesandt ist, so sendet er uns. Und wie Jesus seine Sendung als Dialog verwirklicht, so ist auch heute Dialogfähigkeit das entscheidende Kennzeichen einer missionarischen Kirche. Die Gemeinde Jesu wird nur dann lebendig bleiben und ausstrahlen, wenn sie mit ihm im ständigen Gespräch bleibt, hörend und im immer neuen, ehrlichen Versuch der Nachfolge. Sie wird suchende Menschen ansprechen, wenn sie deren Fragen ehrlich hört, eigene Fragen zulässt und auch bereit ist, sich in Frage stellen zu lassen.

Mission bedeutet weniger, fertige Antworten zu verabreichen, als vielmehr Menschen zu helfen, selbst und persönlich in einen lebendigen Austausch mit Gott zu kommen. Der interreligiöse Dialog schließlich ist keine Preisgabe des eigenen Glaubens. Wenn ich im Gespräch mit Menschen anderer Religionen Rechenschaft davon ablege, zu welcher Hoffnung ich als Christ berufen bin, werde ich selbst Christus als den Grund meiner Hoffnung tiefer erfahren.

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