Pater Cornelius Bohl

„Woher stamme ich?“

Pater Cornelius Bohl ofm

Liebe Freunde der Franziskaner Mission!

„Woher stamme ich? Ich stamme aus meiner Kindheit. Ich stamme aus meiner Kindheit wie aus einem Land.“

Vor kurzem bin ich zufällig auf diesen Satz von Antoine de Saint-Exupéry gestoßen. Der Gedanke hat mich unmittelbar angesprochen. Je älter ich werde, umso mehr merke ich, wie mich mein Herkommen prägt. Dazu gehört vieles: eine Landschaft, Orte und Häuser, eine Sprache und eine Kultur, bestimmte „Zeitumstände“, Beziehungen vor allem, Eltern und Großeltern, Geschwister, Freundinnen und Freunde, die Schule natürlich, vielleicht auch eine Kirchengemeinde und vieles mehr. Das alles verdichtet sich in meiner Kindheit, „jenem weiten Land, von dem jeder herkommt“, wie De Saint-Exupéry sagt.

Erinnern Sie sich gerne an Ihre Kindheit? Oder möchten Sie diese Phase lieber vergessen? Wohl dem, der eine unbeschwerte und glückliche Kindheit hatte. Manchmal wird sie in der Erinnerung zum Paradies verklärt. Sie kann aber auch eine Last sein, an der man ein Leben lang schwer trägt. Im schlimmsten Fall vergiftet sie ein ganzes Leben. Oft wird sich beides nebeneinander finden: Da gibt es im Blick auf die frühen Jahre Dankbarkeit für selbstverständliche Beheimatung, Erfahrungen von Geborgenheit und tiefes Vertrauen in das Leben ebenso wie unerklärliche Ängste und erste Enttäuschungen, Verlusterfahrungen und Einsamkeit. Schon früh zeigen sich Talente und Begabungen, aber oft auch dunkle Lebensthemen, die das gesamte weitere Dasein überschatten.

Wie komme ich auf diese scheinbar etwas abwegigen Überlegungen? Der Gedenktag des hl. Franziskus am 4. Oktober steht vor der Tür. Franziskus war ein ganz besonderer Mensch. Aber auch solch besondere Menschen fallen nicht vom Himmel. Auch Heilige haben eine Kindheit und Jugend. Sie werden das wissen: Als junger Mann gerät Franziskus in einen massiven Konflikt mit seinem Vater, dem reichen Kaufmann, dessen Lebenskonzept er radikal ablehnt. Es kommt in aller Öffentlichkeit in einer theaterreifen Szene zum endgültigen Bruch. Dennoch bin ich überzeugt, dass Franziskus seinen Eltern auch viel verdankt. Nicht nur der Mutter, die seine ungewohnten Wege besser versteht als ihr Mann. So etwas kommt ja öfter vor. Auch sein Vater hat ihm viel Positives mitgegeben. Franziskus wird später ähnlich großzügig und verschwenderisch sein wie sein Vater – nicht mit Geld, aber verschwenderisch mit Liebe, Vertrauen, Freude am Leben. Seine Leidenschaftlichkeit, sein weites Herz, seine gewinnende Menschlichkeit, aber auch seine Ehrlichkeit und seine Konsequenz sind sicher nicht nur „Gnade“, sondern wurzeln auch im Land seiner Kindheit. Franziskus könnte sicher nicht so oft von Gott dem Vater sprechen, wenn die Erfahrungen mit seinem leiblichen Vater ausschließlich negativ gewesen wären. Und auch sein überlegtes Vorgehen in der Leitung der wachsenden Bruderschaft und in den Auseinandersetzungen um die Regel verraten den klug abwägenden Kaufmannssohn. Wo soll er so etwas gelernt haben, wenn nicht zuhause im Geschäft seines Vaters? Ich finde es daher sehr schön, dass in Assisi neben dem Geburtshaus von Franziskus nun schon seit vielen Jahren ein Denkmal für seine Eltern steht, die der Welt diesen besonderen Sohn geschenkt haben. Sie haben es verdient.

Jeder Mensch stammt aus dem Land seiner Kindheit. Vieles in seinem späteren Leben wird davon bestimmt sein, wie dieses Land beschaffen war und wie er es erlebt hat. Investitionen in eine Kindheit sind immer Investitionen in die Zukunft. Darum unterstützen wir von der Franziskaner Mission München viele Projekte, die Kindern einen möglichst guten Start ins Leben ermöglichen wollen. Zum Beispiel die Förderschule PREEFA in Santa Cruz, über die eine der beiliegenden Karten informiert. Aber auch die Suppenküche beim Sozialzentrum in Cochabamba kommt Kindern zugute, die dort regelmäßig ein warmes Mittagessen erhalten.

Am Gedenktag des heiligen Franziskus erinnern wir Franziskaner uns nicht nur an unseren großen kleinen Bruder aus Assisi. Sein Fest macht uns jedes Jahr neu bewusst, mit wie vielen ganz unterschiedlichen Menschen wir weltweit in der großen franziskanischen Familie verbunden sind. Dazu gehören auch Sie. Wir Brüder danken Ihnen sehr herzlich für Ihr Interesse an unserer weltkirchlichen Arbeit und alle Unterstützung. Die franziskanische Inspiration lebendig erhalten und da und dort etwas zum Guten bewegen – das können wir nur gemeinsam, die vielen Freundinnen und Freunde von Franziskus, in der Kirche und außerhalb, mit den Schwestern und Brüdern der franziskanischen Ordensgemeinschaften, hier in Deutschland, in Bolivien und in vielen anderen Ländern der Erde. Danke, dass Sie auch dazugehören!

„Ich stamme aus meiner Kindheit wie aus einem Land.“ Ja, da hat der Autor des kleinen Prinzen recht. Aber das ist nicht alles. Vielleicht klingt es merkwürdig, aber ich stamme auch aus dem Land meiner Zukunft. Mich prägt zum Glück nicht nur das, was war. Mich prägt auch das, was kommen wird oder noch sein kann: meine Sehnsüchte und Hoffnungen. Die Ideen, für die ich mich einsetze. Das, was ich von Gott noch erwarten darf. Zu mir gehört nicht nur mein Herkommen, zu mir gehören ebenso die Ziele, die ich vor Augen habe. Darum wünsche ich Ihnen nicht nur einen hoffentlich möglichst dankbaren und versöhnten Blick zurück, sondern vor allem auch einen mutigen und optimistischen Blick nach vorn.

Herzliche Grüße aus München
Ihr P. Cornelius Bohl ofm

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