Markus Fuhrmann ofm

Partner statt Paten

Ein Beispiel für partnerschaftliche Unterstützung ist das Partnerprojekt in Urubichá ind Bolivien.
Bild von Archiv deutsche Franziskanerprovinz.

An der Wand im Wohnzimmer meines Onkels hingen viele Jahre lang Fotos von drei lächelnden dunkelhäutigen Kindern. Jedes Mal, wenn wir damals meinen Onkel besuchten, fiel mein Blick auf diese fremden Kindergesichter. Welche Lebensschicksale haben sich wohl hinter diesen Fotos verborgen? Mein Onkel erzählte uns damals, dass diese Kinder seine brasilianischen „Patenkinder“ seien und dass er sie regelmäßig finanziell unterstütze. Sie sollten nämlich eine gute Schulausbildung bekommen und das ginge nicht ohne fremde Hilfe. Dieses Patenschaftsprojekt wurde über eine kirchliche Organisation vermittelt und betreut. Nun, Menschen zu helfen, ihren Weg zu gehen, kann ja nicht verkehrt sein, dachte ich damals. Und fand daher das Ganze irgendwie gut.

Heute, über 30 Jahre später, bin ich Missionssekretär der Deutschen Franziskanerprovinz. Da erfahre ich durch die internationale Projektarbeit der Franziskaner Mission oft von Problemlagen, mit denen wahrscheinlich auch die „Patenkinder“ meines Onkels konfrontiert waren: erschwerter Zugang zu sauberem Trinkwasser, unsichere medizinische Versorgung, wenig Chancen zu einer soliden schulischen Bildung und beruflichen Ausbildung und manches mehr. Damals wie heute gilt: Ohne fremde Unterstützung ist in vielen Teilen der Welt keine dauerhafte Verbesserung der Lebenssituation zu erreichen. Und doch gibt es bedeutende Unterschiede zwischen dem deutsch-brasilianischen Patenschaftsprojekt meines Onkels damals und der Projektarbeit der Franziskaner Mission und anderer Hilfswerke heute.

Es mag ja einen besonderen Charme haben, wenn ich als Wohltäter sagen kann: Diesem konkreten Kind habe ich durch meine finanzielle (und vielleicht auch ideelle) Hilfe ermöglicht, eine vernünftige Ausbildung zu machen und so überhaupt erst mal eine Chance im Leben zu bekommen. Das ist gewiss besser, als nichts zu tun. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, meinte schon Erich Kästner. Allerdings ist dieser Ansatz der individuellen Unterstützung eines einzelnen Menschen mit etwas Abstand betrachtet wenig solidarisch. An der generellen Notlage vor Ort ändert sich auf diese Weise nämlich nichts. Alle anderen Betroffenen müssen weiter leiden. Ist das gerecht? Und verstärke ich auf diese Weise nicht noch die himmelschreiende Ungleichverteilung von Bildungs- und Lebenschancen in strukturell unterentwickelten Regionen?

Der Franziskaner Mission ist es deshalb bei ihrer Projektarbeit wichtig, dass die „Experten an der Basis vor Ort“, also die Schwestern und Brüder der Franziskanischen Familie, einen genauen Plan entwickeln, der unter anderem den sozialen Nutzen eines Hilfsprojekts nachweist. Wer etwa in einer Gemeinde in der Tiefebene Boliviens einen Kindergarten bauen will und dafür Hilfe beantragt, muss im Vorfeld eine Reihe von Fragen beantworten: Warum jetzt dieses Projekt? Wer wird davon profitieren? Und wie wird garantiert, dass der Kindergarten auch noch in einigen Jahren fachlich qualifiziert betrieben wird? Von den Antworten auf diese Fragen hängt ab, ob ein Projekt wirklich als nachhaltig, also als dauerhaft wirksam, eingestuft und von daher unterstützt werden kann. Der jeweilige höhere Ordensobere beziehungsweise der zuständige Bischof muss dann das Vorhaben ebenfalls befürworten. Genehmigte und durchgeführte Hilfsprojekte werden anschließend genau abgerechnet und deren plangemäße Umsetzung überprüft. Dieses Verfahren klingt vielleicht zu bürokratisch, ist aber wichtig für nachhaltige Hilfe. Dafür setzt sich die Franziskaner Mission ein.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Mission 1 / 2020

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