Pia Wohlgemut / Übersetzung aus dem Spanischen

Vielvölkerstaat Bolivien – Gelingt die Integration aller Kulturen?

Bild von Provincia Misionera San Antonio en Bolivia

Ich bin Bruder Bladimir Salazar Murillo. Ich bin 34 Jahre alt und komme aus dem Volk der Quechua, genauer gesagt aus der Yampara-Kultur. Die Yampara leben hauptsächlich im Regierungsbezirk Chuquisaca, auf etwa 3.000 Meter Höhe in der Nähe der Hauptstadt Sucre. Ich bin dort geboren. Für mich bedeutet meine Kultur in erster Linie, dass ich Wurzeln habe, eine Familie, eine Gemeinschaft. Ich habe eine Identität, von der aus ich mich auf den Rest der Welt beziehe.

Die Quechua-Kultur ist die größte in Bolivien, sie ist sogar in mehreren lateinamerikanischen Ländern anzutreffen. Ich denke, wir haben ein gutes Image, weil wir unsere kulturellen Eigenschaften bewahren und uns als einladende, offene Menschen betrachten. In sozialer Hinsicht gehören die Quechua eher der Mittel- und Unterschicht an. Es gab eine große Migration unter den Yampara vom Land in die Stadt, was zur Folge hatte, dass sich die Lebensqualität der Familien verbesserte, aber in vielen Fällen ihre kulturelle Identität verloren ging.

Innerhalb der Bruderschaft gibt es generell eine respektvolle Behandlung zwischen ethnischen Gruppen. Ich lerne viele Brüder auch aus anderen Landesteilen kennen und wir kommen gut miteinander zurecht. Früher gab es Konflikte innerhalb des Ordens, genau wie in Bolivien selbst, zwischen den östlichen und westlichen Kulturen. Aber heute denke ich, dass dies überwunden ist.

Ich bin Bruder Pedro Ortiz Arevalo. Ich bin 19 Jahre alt und Student der Philosophie. Wie Bruder Bladimir komme ich auch aus der Quechua-Kultur.

Unsere Religion ist die katholische Religion. Unsere Kosmologie, unser Weltverständnis wurzelt aber im Bereich der Natur, der Pacha Mama! Viele Quechua denken, dass ihre Kultur zum Sterben verurteilt ist: Sie vergessen ihre Sprache und ihre Bräuche, wenn sie Spanisch sprechen. Sie schämen sich, ihre Kultur auszuleben, wenn sie sich zwischen anderen Kulturen bewegen. Dabei haben wir ein grundlegendes Gewicht in der Geschichte Boliviens. Wir sind sehr gut in kleinen Gruppen organisiert, die unsere Interessen vertreten.

Ich denke, die Idee des plurinationalen Staates funktioniert insofern gut in Bolivien, weil die Menschen sich frei fühlen können, ihre Traditionen und Bräuche, ihre Religion und ihr wirtschaftliches Denken in Wechselbeziehung zu praktizieren. Leider nehmen daran aber nicht alle Gruppen teil. Es wurde früher oft übersehen, was sie denken.

Ich wünschte, dass es nicht diese Diskriminierung von Sprache und Denkweise gibt, die uns zu einer einzigen Kultur, einem einzigen Land, vermengen will. Aber in den letzten Jahren hat sich dies etwas gebessert und fast jede Gruppierung hat eine gewisse Beteiligung und stellt politische Vertreter.

Bild von Provincia Misionera San Antonio en Bolivia

Mein Name ist Jhonny Choque Salinas. Ich bin 25 Jahre alt, Franziskaner und studiere im zweiten Jahr Philosophie. Ich gehöre zur ethnischen Gruppe der Aymara. Wir Aymara sind eines der berühmtesten indigenen Völker der Welt! Mehr als eine Million Menschen sprechen Aymara! Außerdem sind wir bekannt für die Nutzung der Kokapflanze und die Aufzucht von Alpakas und Lamas. Mein Volk lebt in den Hochanden, wir tragen farbenfrohe Kleidung mit dem charakteristischen Hut und haben eine faszinierende, sehr alte Geschichte und Kultur, die nicht nur die spanische Eroberung, sondern auch schon die Inkas überlebt hat.

Das Wort Aymara leitet sich von dem Begriff Jayamararu ab, bestehend aus Jaya (fern), Mara (Zeit) und Aru (Sprache). Es bedeutet „Sprache vieler Jahre“. Ich liebe es, aus dieser Kultur zu stammen! Schon unsere Vorfahren haben die Grundlagen gelegt, wie Volkswirtschaft und Gemeinwohl gelingen können. Zugrunde liegt die Idee der gegenseitigen Unterstützung: Geben, um zu empfangen. Jede von einer Person ausgeübte Handlung oder Tätigkeit bewirkt die Handlung einer anderen Person.

Der Hauptbeitrag der Aymara für die gesamte Menschheit war die Domestizierung der Kartoffel. Wie schon in der Vergangenheit, so wird sie auch zukünftig weltweit ein wichtiger Teil der Ernährung bleiben.

In den vergangenen Jahren hatten wir mit Evo Morales einen Präsidenten, der aus dem Volk der Aymara stammte. Die Politik verspricht viel für alle, weckt aber falsche Erwartungen und dann sind die Menschen unzufrieden. Aber viele sind auch selber schuld, weil sie selbst nichts tun, um etwas zu erreichen.

Mein Wunsch ist, dass wir friedlicher werden. Mit Gewalt erreicht man nichts. Aber wir müssen realistisch sein: Wenn die Menschen nicht protestieren, ändert sich nichts.

Franziskaner sein heißt, geben, ohne etwas dafür zu erwarten. Meine Kultur hat mir viel gegeben und das kann ich an meine Mitmenschen weitergeben.

Mein Name ist Rodrigo Marcelo Paz Cruz. Ich bin 44 Jahre alt, Franziskaner und in meinem sechsten Jahr der Ordensausbildung. Obwohl ich in einer Stadt geboren wurde, die als Aymara gilt, bin ich sowohl im Westen als auch im Osten aufgewachsen. Mein Vater stammt aus La Paz, meine Mutter aus Vallegrande (Provinz Santa Cruz de la Sierra). Ich habe Teile beider Kulturen übernommen, also betrachte ich mich als  Mestize.

Mestize zu sein bedeutet, sich nicht mit einer einzigen ursprünglichen Kultur zu identifizieren. Im Laufe meines Lebens bin ich in Kontakt mit verschiedenen Kulturen gekommen. Ich lebte in La Paz, in einem sehr kosmopolitischen Viertel. Zwar hat meine Familie hier ihre Wurzeln, aber schon meine Großeltern väterlicherseits sind Migranten sowohl vom Land als auch aus anderen Regionen Boliviens. Das eröffnet eine andere, breitere Perspektive.

Mestize zu sein, hat für mich Vorteile, weil ich Bräuche verschiedener Kulturen kennen und schätzen gelernt habe. Obwohl ich nicht mit Stolz sagen kann, dass ich Aymara oder Quechua oder Guarani oder Chiquitano bin, kann ich dennoch ein stolzer Bolivianer sein. Ich wünsche mir Einheit der verschiedenen Völker Boliviens. Ich sehe sie alle als Bolivianer und respektiere sie als solche und schätze jedes Volk, jeden Menschen mit seinen Stärken und Schwächen.

Für viele, die aus indigenen Völkern stammen, hat der Mestize aber leider keine Identität. Da die Zugehörigkeit zu einer der ursprünglichen Volksgruppen bei uns sehr relevant ist, werden Mestizen leicht an den Rand gedrängt. Schlimm ist es, wenn im Namen einer ursprünglichen Kultur getarnt, eine bestimmte Doktrin auferlegt wird. Das fügt der gesamten Nation Schaden zu, da sich die Unterschiede und Spaltungen mehr vertiefen, anstatt zu verschwinden.

Es tut weh, es zu akzeptieren, aber ich denke, auch innerhalb des Ordens gibt es Spannungen in Bezug auf ethnische, regionale und soziokulturelle Herkunft. Manchmal versucht man, dass der andere nachgibt und nicht man selbst zurückstecken muss. Aber ich hoffe, dass wir uns gegenseitig respektieren, wie wir sind. Um dieses Ideal der Brüderlichkeit zu erreichen, müssen wir lernen, auf einen Teil unseres eigenen Wesens zu verzichten, ohne dabei aufzuhören zu sein, wer wir sind.

Bild von Provincia Misionera San Antonio en Bolivia

Ich bin Bruder Itamar Pesoa Guzmán, 23 Jahre alt und studiere Theologie. Mein Volk sind die Chiquitano – und unsere Kultur ist leider dabei auszusterben! Die Chiquitana-Kultur findet man hauptsächlich in den Provinzen Ñuflo de Chávez, Velasco und Chiquitos im Osten Boliviens. In meiner Kultur sind die Riten der Volksfrömmigkeit gut mit der katholischen Religion verbunden. Sie zeichnet sich durch Solidarität, Arbeit, Glaube, Demut und Religiosität aus. Obwohl wir reich an Bräuchen und religiösen Traditionen sind, ist die Chiquitana-Kultur die am wenigsten bekannte Kultur Boliviens und geht leider nach und nach verloren. Denn viele Chiquitano sind vom Land in die Städte ausgewandert und verlieren ihre Wurzeln. Leider wird in Bolivien den westlichen Kulturen, beispielsweise den Aymara, mehr Bedeutung beigemessen und diese werden gefördert.

Die Chiquitana-Kultur wird zunehmend zurückgedrängt und verwässert. Dabei stammt Boliviens Ursprung doch auch aus unserer Kultur aus den östlichen Landesteilen.

Politisch gibt es keine Beteiligung meiner Kultur. Es ist sehr bedauerlich, dass sie in einem Land, das sich plurinational und ein Vielvölkerstaat nennt, keine Berücksichtigung findet. Dass die Chiquitana-Kultur bis heute überhaupt erhalten geblieben ist, ist der katholischen Kirche zu verdanken, die uns ihre Unterstützung anbietet, damit wir unsere kulturelle Identität behalten. Persönlich ist es für mich sehr wichtig, meine Wurzeln als Teil dieser untergehenden Kultur zu kennen.

In unserer Ausbildungskommunität leben Brüder aus verschiedenen Teilen Boliviens zusammen. Als Bruderschaft, voller kultureller Reichtümer, pflegen wir die Werte, die wir in unseren Kulturen gelernt haben. Wir können viel voneinander lernen.

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