Bruder Reinhold Brumberger OFM

Not macht erfinderisch – 40 Jahre erfolgreiche Wasserprojekte in Bolivien

Die Dorfgemeinschaft baut ihren eigenen Brunnen. Bild von Reinhold Brumberger OFM.

Als ich Ende 1979 als Missionar nach Südamerika kam, war ich ein totaler „Novato“, ein Neuling ohne Erfahrung. Als Priester lag mein Schwerpunkt natürlich in der Seelsorge. Ich habe lange Jahre in der wunderschönen Kathedrale von Concepción gearbeitet.

Es war großartig, dort die Messe mit der indigenen Gemeinde zu feiern und die besonderen Gebräuche an den Feier-tagen zu erleben: die Herbergssuche an Weihnachten, die Prozessionen mit Flöten und Trommeln in der Karwoche und vieles mehr. Die Menschen kamen mit ihren Familien aus den rund 30 entlegenen Dörfern aus dem riesigen Wald um uns herum. Es ist eine faszinierend schöne Gegend. Aber auch unwirtlich und gefahrvoll. Eine deutsche Familie würde hier wahrscheinlich auf Dauer nicht überleben können. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen hier ist deshalb auch mehr als 20 Jahre geringer als in Deutschland.

Im Dorf Palmarito fiel mir eines Tages zu Beginn meiner Missionszeit der Friedhof auf: eine Unmenge von Kindergräbern! Und ich fragte mich: Wie kommt es zu dieser hohen Kindersterblichkeit? Ich begann, die Lebensrealitäten meiner Umgebung zu analysieren.

Keine einzige Hütte hatte eine Wasserleitung. Alle Indigenen trugen die Wäsche zum Fluss oder zu einer Quelle im Wald, die aber besonders in den Monaten der Trockenzeit teilweise austrockneten. Dort holten sie auch das Trinkwasser in Eimern und trugen es zum Teil auf dem Kopf nach Hause. Abkochen? Kaum. Hauptsache es war nass!

Viele Krankheiten hatten hier ihre Ursache, und es gab keine Arzneien, keinen Arzt, keine Krankenkasse, dafür aber große Entfernungen zur nächsten Klinik und schlechte Wege. Die Wasserthematik, das war mir klar, war ein wichtiger Grund für die vielen Kindergräber in Palmarito.

Ich ließ mich vom Evangelium inspirieren zu handeln. Was hätte Jesus getan? Seine Mentalität und Handlungsweise wurden mir zum Maßstab: Jesus vermehrte das Brot, damit alle zu essen bekamen, doch sagte er auch zu seinen Jüngern: »Gebt ihr ihnen zu essen.“Ihr, das sind heute wir, das bin ganz konkret ich! Und „essen“ bedeutet das Lebensnotwendige und eines vom Wichtigsten, was den Chiquitano fehlte, war genügend Wasser, sauberes Wasser und Trinkwasser!

Ich fühlte mich herausgefordert, etwas zu bewegen. Und die Antworten auf den Ruf „Gib Du ihnen zu trinken“, den ich für mich verstanden hatte, mussten möglichst konkret sein und nicht lange auf sich warten lassen. Denn: „Dein Glaube ohne Werke ist tot!“ Es heißt aber auch: „Aus Fehlern wird man klug!“ – und ich hatte nun viele Gelegenheiten, Fehler zu machen und klug zu werden …

Viel zu lernen

Die Dörfer brauchten also Brunnen. Richtig! Ich ließ Werkzeuge kaufen, damit sich die Leute Brunnen graben konnten. Doch die Gegend war steinig, und eine riesige Felsformation, der sogenannte „Brasilianische Schild“, der manchmal auch aus dem Erdreich herausragt, brachte die Arbeiten oft zum Stillstand. In unserer Werkstatt, wo Konrad Broxtermann, ein erfahrener deutscher Missionshelfer, als Mechaniker, Schlosser und Elektriker arbeitete, ließ ich mich immer wieder beraten. So organisierten wir ein Bohrgerät, das wie mit einer Motorsäge angetrieben wurde. Doch es war unrealistisch und kam einem Spielzeug gleich.

Und wo bitte sollte man überhaupt bohren mit der Hoffnung auf Wasser? Also lehrte mich ein Mann, mit zwei Eisenstäben parallel in beiden Händen langsam zu gehen. Und dort, wo sie ausschlugen, sich öffneten: Da war Wasser! So wurde ich auch ein Wünschelrutengänger – und für manche Indigene dann auch ein Zauberer.

Mit gewaltigem finanziellen Aufwand holte ich mir leistungsstarke Maschinen und erfahrene Teams aus der Nachbardiözese und von der Caritas in Santa Cruz. Finanzieren konnte ich das Projekt mit Spenden der Franziskaner Mission und von Verwandten und Freunden in Deutschland. Sie haben mich Gott sei Dank nie im Stich gelassen! In die Bohrlöcher wurden nun die Handpumpen installiert, und manche Dörfer hatten zwei oder drei Pumpen. Das bedeutete endlich Wasser in der Nähe und Trinkwasser!

In manchen Dörfern organisierte ich auch Zisternen, in denen das Regenwasser von den Dächern der Schule oder der Kapelle gesammelt wurde. In der Gegend der Mennoniten sah ich einmal Pumpen mit Windrädern. Tolle Idee: Ich holte mir sofort ein Team und ließ auch einige solcher Pumpen installieren. Im Dorf El Carmen fassten wir eine höher gelegene Quelle in einem Becken ein. Rohre leiteten das Wasser zum Wassertank im Dorf. Dazu waren weder Motor noch Treibstoff nötig.

In der Trockenzeit fehlte meist auch das Wasser für Rinder, Schafe und Schweine. Hauptsächlich die Viehgenossenschaften der Pfarrei brauchten Wasser. Also benötigten wir Wasser-reserven. Mit Raupenschleppern ließ ich künstliche, große Weiher anlegen, denn die ersten waren zu klein und trockneten schnell aus. Und im Damm der Reservate konnten wir in einigen Dörfern Rohre einbauen, sodass die Frauen Wasser für ihren Gemüsegarten hatten.

Die Frauen sind froh, dass sie mit frischem fließendem Wasser die Speisen für ihre Familien zubereiten können.
Bild von Reinhold Brumberger OFM.

Existenzielle Hilfe

Ich bin kein Entwicklungshelfer, aber es wurde aus tiefer spiritueller Überzeugung für mich zu meiner Lebensaufgabe, meinen Gemeindemitgliedern existenziell zu helfen. Auch wenn meine Berufung als Priester und die Seelsorge mir wichtig sind: Eine schöne Predigt allein wäre in der Not der Menschen eher ein Spott!

Nach zwölf Jahren als Pfarrer in der Großstadt Santa Cruz bin ich seit letztem Jahr nun wieder in der Nähe von Concepción, in San Javier, der ersten Jesuitenreduktion (1691) mit ebenfalls 23 indigenen Dörfern. Und ich finde die gleichen Probleme wie 1979 heute noch vor!

Mittlerweile weiß ich aber, was möglich ist und was wir erreichen können und wie wir es anstellen müssen. So konnte ich mit Hilfe der Indigenen selbst (und den Spenden aus Deutschland) in mehreren Dörfern bereits ein Wassersystem einrichten, das sogar Wasser für jede Hütte bringt. Und mancher Dorfbewohner installierte sogar eine Dusche für seine Familie. Nun sind für die nächste Zeit auch hier größere Weiher geplant für die Nutztiere der Indigenen. Und wir brauchen auch Wasser für unsere Sicherheit, denn die nächsten Waldbrände werden nicht ausbleiben.

Wenn ich dann in einer der vielen neuen Kapellen (schlicht, mit festem Material und Vordächern) zusammen mit den Indigenen die Messe feiere (an vielen Sonntagen halten Männer und Frauen die Wortgottesdienste!) und wenn ich dann auch immer wieder die Freude und Dankbarkeit der Menschen hier merke, dann schlägt mein Herz höher. Ja, es geht! Es sind keine Wunder, doch es ist der Erfolg von Technik, Engagement, Solidarität, auch aus Deutschland.

Not macht erfinderisch, und Solidarität macht es möglich: Wasser – genügend, nah und gesund. Mehr Lebenserwartung und mehr Lebensqualität. Gott sei Dank, und Dank an die Indigenen selbst und die Spender in Deutschland!

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Mission 2020/2

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