Pater Cornelius Bohl ofm

Brief an die Spender

Pater Cornelius Bohl ofm

Liebe Freunde der Franziskaner Mission,

spätestens seit dem Beginn der Trump-Ära haben wir gelernt, dass es alternative Fakten gibt. Zumindest kann man einfach einmal das Gegenteil von dem behaupten, was bisher galt. Realität ist nicht. Sie wird konstruiert.

Die Behauptung alternativer Fakten aus politischem Kalkül finden wir auch in den Osterberichten. Noch immer stehen wir ja in der Osterzeit. Der Evangelist Matthäus berichtet, wie Pilatus die Grabwächter Jesu systematisch die Nachricht verbreiten lässt, die Jünger hätten den Leichnam des Gekreuzigten aus dem Grab gestohlen. Ehrlich gesagt: Ist die Pilatus-Version der Wirklichkeitsdeutung nicht viel wahrscheinlicher und realistischer als der Glaube an die Auferstehung eines Toten? Dass Tote tot bleiben, ist die sicherste Wirklichkeit, die es gibt. Da scheint die Behauptung, dass ein Hinrichtungsopfer plötzlich wieder lebt, tatsächlich ein alternatives Faktum.

Ja, warum eigentlich nicht die Wirklichkeit einmal so herum lesen: Botschaft und Schicksal Jesu sind alternative Fakten zu dem, was scheinbar unumstößlich ist. Die Auferstehung ist eine Alternative zum Tod. Hoffnung eine Alternative zur Überzeugung, dass sich sowieso nichts ändern lässt. Versöhnung eine Alternative zur Erfahrung, dass Hass sich immer weiter fortpflanzt. Jesus ist ein Fachmann für alternative Fakten: Die Kleinen sind groß. Die am Rand sind wichtig. Die Armen sind selig …

Und was stimmt jetzt? Beides. Wer Macht hat, sitzt am längeren Hebel. Der Schwache kommt unter die Räder. Das ist Fakt, Jesus hat es selbst erfahren. Aber das ist nicht alles. Auch alternative Fakten sind erfahrbare Realität: Solidarität macht stark und sprengt Grenzen. Mitten in einer verfahrenen Situation lebt eine Hoffnung, die nicht verzweifeln lässt. Wo die einen sagen „Da kann man nichts machen!“, setzen sich andere weiterhin ein für den Nächsten. Viele Menschen halten so etwas nicht für normal. Aber es sind auch Fakten. Alternative Fakten aus dem Glauben an die Auferstehung und an die Kraft des Geistes Gottes, den wir an Pfingsten wieder feiern.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Pfingstfest in der Freude darüber, dass Gottes Geist ganz unerwartet Neues möglich macht, auch im eigenen Leben.

Ihr P. Cornelius Bohl ofm
Provinzial der Deutschen Franziskanerprovinz

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